Montag, 15. Oktober 2012

Fleischlos essen – was spricht dafür und was dagegen?

Sechs Millionen Deutsche, an die 350.000 Schweizer und ca. ebenso viele Österreicher sind angeblich „Vegetarier“, das heißt, sie essen kein Fleisch (viele auch keinen Fisch), Tendenz steigend. Manche nehmen auch keine Milchprodukte zu sich (Lacto-Vegetarier), andere zusätzlich keine Eier (Ovo-Lacto-Vegetarier) und wieder andere verzichten generell auf Produkte tierischen Ursprungs (Veganer), sie essen nicht einmal Honig und tragen keine Lederschuhe. Der Rest der „Welt“ schüttelt den Kopf darüber… Eine schnelle Übersicht zu den gängigsten Positionen:

Also erst einmal: Fleisch oder nicht Fleisch ist oft eine Frage der natürlichen Ressourcen. Für Indien schätzt man, dass an die 40 Prozent der Menschen dort noch nie Fleisch gegessen haben. Das Angebot an nicht tierischem Essen ist dort aber auch größer als z. B. in Tibet, wo allein die Hauptstadt Lhasa auf über 3600 Meter Höhe liegt – da gedeihen nicht mehr so viele essbare Pflanzen… Dementsprechend essen Tibeter selbstverständlich Fleisch, wenn sie welches haben. Milch und Butter sind sowieso Grundnahrungsmittel dort. Fleisch oder nicht Fleisch ist also oft auch eine Frage der Gegebenheiten und der Kultur.

Die meisten Europäer haben alles, was sie wollen – Fleisch ist seit jeher kultureller Bestandteil der Ernährung und trotzdem: Wenig oder kein Fleisch zu essen, liegt immer mehr im Trend. Selbst Supermarktketten bieten heutzutage vegetarische Spezialitäten an – das würden sie kaum, wenn die Nachfrage nicht stark steigend wäre. Warum ist das so? Und ist es für den Körper nicht sehr ungesund, kein Fleisch zu essen?

Kleinen Kindern und Jugendlichen wird vielerorts davon abgeraten, sich rein vegetarisch – und schon gar nicht vegan – zu ernähren. Der Grund: Proteine, Vitamin B12, Vitamin D, Eisen, Kalzium und Jod seien in nichtfleischlicher Nahrung nicht ausreichend vorhanden, Mangelerscheinungen wären die Folge, so die Argumentation. Überzeugte Vegetarier punkten dagegen mit Hülsenfrüchten, Tofu, Kartoffeln, Mais und Co, die für eine ausreichende Proteinversorgung sorgen würden. Brokkoli, Spinat, Sesam, Mohn und Haselnüsse sorgen für genügend Kalzium, Eisen sei in Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, Blattgemüse, Nüssen und Samen. Vitamin D werde von der Haut in der Sonne gebildet und Jod sei in jedem jodierten Speisesalz. Außerdem gebe es Nahrungsergänzungsmittel.

Fleisch sei ungesund, halten die Vegetarier dagegen: Die bei der Massentierhaltung eingesetzten Mittel, die dadurch entstehenden Krankheiten, die kilometerlangen Transporte quer durch den Kontinent und die stressvolle Tötung der Tiere mache Fleisch für den menschlichen Körper problematisch. Dazu käme, dass vor allem ein Zuviel an rotem Fleisch für viele Herz-Kreislauferkrankungen mit verantwortlich sei. Das hat sich allerdings bereits herum gesprochen – alle Empfehlungen in Bezug auf die Ernährung lauten, man solle nicht jeden Tag Fleisch essen. Und wenn, vor allem regionale Produkte, möglichst aus Biohaltung.

Fleischlos aus Sorge um die Umwelt: Auch das ist eine Position, aus der vor allem intellektuelle Schichten zu Vegetariern werden. Zwischen 15 und 25 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs flössen in die Viehzucht, wird behauptet. Und knapp 20 Prozent der Treibhausgase würden vom Vieh ausgestoßen – mehr als vom Verkehr. Dazu kommt der Wasserverbrauch: Ein Kilo Rindfleisch brauche unglaubliche 15.500 Liter Wasser, ist vielerorts zu lesen, ein Kilo Getreide nur 1300. Außerdem trage Fleischkonsum dazu bei, den Regenwald zu zerstören (wird für Weide gebraucht) und vieles mehr…

Für die meisten vegetarisch lebenden Menschen – und für viele, die es werden – ist ein Leben ohne Fleisch jedoch eine Frage der Ethik. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens werden pro Kilo Rindfleisch ca. 10 Kilo Getreide verfüttert, was – wie Vegetarier sagen – in Bezug auf den Hunger in der Welt nicht mehr zumutbar sei. Und zweitens müsse man die Tiere töten, damit man ihr Fleisch essen kann. Das wolle man nicht. Und für die Milch müssen Kühe immer trächtig sein, den Kälbern werde die Mutter aber sofort weggenommen…

Wie bereits eingangs erwähnt: Dies ist weder ein Plädoyer für noch gegen Fleischkonsum bzw. dagegen, Vegetarier zu sein, sondern veranschaulicht – kurz und bündig – die dahinter liegenden Positionen. Wobei man wohl auch nicht vergessen sollte, dass speziell die Alpenländer ohne Fleischkonsum völlig anders aussehen würden. Schafe und Kühe tragen hierzulande viel für die abwechslungsreiche, gepflegte (Almen-)Landschaft bei… Und für viele unserer Bauern ist ein Leben ohne (Nutz-)Tiere kaum vorstellbar.